Airport Service AG - Webseite


Wie alles begann!

Im Raum ist die Anspannung spürbar. Die Verwaltungsratsmitglieder fixieren den Präsidenten. Er blickt auf und wählt sorgfältig seine Worte: "Ich halte fest, dass wir uns wie folgt geeinigt haben!"

Er blickt den Protokollführer an als ob er sich vergewissern wollte, dass die folgenden Worte auch richtig festgehalten werden.

"Wir werden den jetzigen CEO mit sofortiger Wirkung freistellen. Ad Interim werde ich die Führung der Airport Service AG übernehmen. Wir werden sofort einen neuen CEO suchen, der einerseits die Gesamtführung der Firma und zugleich die Führung des Geschäftsbereiches Passagierdienste übernimmt."

Er macht eine Pause. "Im Weiteren werde ich das Anforderungsprofil erarbeiten und Ihnen allen zur Vernehmlassung schicken. Am nächsten Freitag haben wir eine Sondersitzung des VR vereinbart um das Anforderungsprofil gemeinsam zu verabschieden..."

...1 Woche später!

Jörg Sonderson sitzt an seinem Schreibtisch. Soeben hat er in einem persönlichen Gespräch, die Kündigung des CEO ausgesprochen. Das Gespräch war kurz und prägnant. Der CEO, gebürtiger Engländer, war nicht sehr überrascht. Die Entwicklung der Airport Service AG verlief alles andere als erfreulich. Jörg Sonderson hatte den Eindruck, dass sein Gegenüber sogar erleichtert war. Oder täuschte er sich? Er blickt auf die Präsentationsunterlagen, die er seinerzeit vor dem VR verwendet hatte. Die eine Folie zeigt die ganze Misere auf einem Blick. Die Schweizer Gesellschaft weist mit einem Umsatz von rund 36 Millionen CHF eine negative Rentabilität von 4 % aus und steht im Vergleich zu den anderen Firmen in der Gruppe hundsmiserabel da.

Er murmelt zu sich selber: "Wir brauchen dringend einen Neuanfang!" Er öffnet in seinem PC ein Worddokument und beginnt seine Vorstellungen für das Anforderungsprofil für den neuen CEO einzutippen...

.....12 Wochen später!

Einleitung – Bericht Viktoria Machthaber

Viktoria Machthaber war soeben geschäftlich in London, als sie vom Verwaltungsratspräsidenten der Airport Service AG angerufen wurde.

Er bestätigte Viktoria, dass sie vom Verwaltungsrat als CEO gewählt worden war. Lange hatte Viktoria auf diesen Moment hin gearbeitet. Mit dieser Wahl hatte sie einen wesentlichen Meilenstein in ihrer Karriere erreicht.

Nach Abschluss ihrer berufsbegleitenden Fachhochschulausbildung hatte sie lange Jahre als Projektleiterin und später als Linienvorgesetzte im Bereich Passagierdienste in der Flughafenbehörde tagtäglich beweisen müssen, dass sie für eine höhere Positionen geeignet war. Dabei hatte ihr sicherlich geholfen, dass sie während der gross angelegten Brandübung im Terminal 2 zufällig Pikettdienst leisten musste. Polizei, Airlines und Feuerwehr hatten ihr zu ihrer ausgezeichneten Leitung des Krisenstabs gratuliert.

Der Verwaltungsratspräsident der Airport Services AG war damals als Vertreter des Airline-Verbandes vor Ort und hatte sie im Einsatz erlebt. Trotzdem! Es waren ihre persönlichen Leistung, die jetzt honoriert wurden.

Sie war sich bewusst, dass die Firma in Schwierigkeiten war und sie einen Turn-around schaffen musste. Dieser Herausforderung wollte sie sich stellen!

...8 Monate später

Viktoria Machthaber hatte vor knapp zwei Monaten die Führung der Airport Service AG übernommen. Ein Unternehmen, das vielfältige Dienstleistungen auf dem Flughafen erbringt. Zwar überall nur Hilfsdienste um die Personalengpässe der Flughafenfirmen zu überbrücken. Diese benötigen in Spitzenzeiten Zusatzpersonal für Passagierabfertigung, Gepäcksortierung, Sicherheitsdienste, Verkehrsdienste und viele anderen - teilweise auch skurrile Aufgaben, wie beispielsweise das Einfangen von Fröschen aus einer Tierlieferung.


Die Firma schrieb in den letzten Jahren nur sehr kleine Gewinne und letztes Jahr sogar Verlust, obwohl das Geschäft gewachsen war. Der Verwaltungsrat erwartete nun von Viktoria, das Unternehmen wieder zurück in die Rentabilitätszone zu steuern. Das Business kennt sie aus ihrer bisherigen Laufbahn ziemlich gut. Neu ist die grosse und umfassende Führungsaufgabe in einer sehr heterogenen Umgebung.

Sie weiss, dass sie gegen interne Widerstände angetreten ist und mit grosser Professionalität und Vorsicht agieren muss. Bereits hatte sie nach kurzer Zeit als CEO gelernt, dass ihre direkt unterstellen Mitarbeitenden die unterschiedlichsten Themen einbrachten.

Airport Control Center. 08.35 Uhr

Viktoria blickt auf, um dem Lärm auf den Grund zu gehen, der um sie eindringt. Die Quelle des Lärms ist der Leiter der Vorfeldtransporte, der lauthals am Telefon über seine Probleme referiert. Viktoria runzelt die Stirn und denkt, ein typischer Kugelfisch, der sein Problem für das Wichtigste hält. Im Airport Control Center wird intensiv gearbeitet um die Krisensituation zu meistern. Airport Service AG als wichtige Dienstleistungsorganisation auf dem Flughafen hat in solchen Krisensituationen einen festen Platz im Center. Heute Morgen als das Aufgebot mit SMS kam, war Viktoria bereits im Büro. Da sie vor Ort war, ist sie als Vertreterin der Airport Service dem Aufgebot gefolgt.


Im Airport Operation Control Center sind alle relevanten Flughafenorganisationen vertreten und koordinieren ihre Aktivitäten. Airlines, Handlingsagents, Catering, Betankungsgesellschaften bis hin zur Luftverkehrskontrolle und Polizei sind hier vertreten. Jeder Vertreter hält von hier aus den Kontakt mit „seiner“ Organisation und „seiner“ Leitstelle.

Gabriela Heuer, Leutnant der Flughafenpolizei blickt kurz zu Viktoria hinüber. Sie erhebt sich kommt auf Viktoria zu. Ohne Umschweife kommt sie auf den Punkt: „Ich brauche 20 Personen für die zusätzlichen Kontrollen und für die Unterstützung im Ankunftsbereich. Kannst Du mir diese beschaffen.“ Ich blicke auf. Unsere Blicke schweifen zum Kugelfisch, der sich immer noch lauthals über die Schwierigkeiten der Versorgung mit Bussen auf dem Vorfeld mit seinem Telefongesprächspartner auslässt. Viktoria erwidere: „Ich habe vor einer Stunde zusätzliches Personal aufgeboten. Die ersten werden jetzt eintreffen. Wo sollen sie sich melden?“ Gabriela gibt die notwendigen Koordinaten. Der Lärmpegel im Airport Control Center nimmt zu.


Seit vor 2 Stunden die Sperrung des Luftraums über Osteuropa bekannt wurde, ist es unvermeidlich das verschiedene Flugzeuge die noch in der Luft sind auf Ausweichflughäfen umdisponiert werden müssen.  Zudem sind viele Linien- und Charterflugzeuge zur Zeit im Abflug blockiert und viele Flüge mussten bereits kurzfristig abgesagt werden. Die meisten anreisenden Passagiere haben diese Ankündigungen jedoch zu spät erhalten und warten jetzt auf dem Flughafen, wie es weiter gehen soll.

Unser Flughafen muss in den nächsten 4 Stunden 30 zusätzliche umgeleitete Flugzeuge aufnehmen und abfertigen. Alle Flughafenorganisation sind extrem gefordert. Dass dabei eine Hektik entsteht, ist nichts Ungewöhnliches. Diese Hektik ist auf die enorme Arbeitslast zurückzuführen, die jetzt bewältigt werden muss. Alle im Airport Control Center anwesenden Personen sind „Profis“, die ihr Handwerk und die Abläufe auf dem Flughafen bestens kennen. Es ist 08.45 a.m. Der Leiter des Airport Operation Control Centers ruft zum Rapport zusammen. Diese erfolgt in einem Rhythmus von 45 Minuten.


Alle leitenden Funktionäre treffen sich um den Besprechungstisch, der in einem separaten Raum direkt neben dem Airport Operation Control Center (AOC) eingerichtet ist, so dass sich die Leiter und Leiterinnen der wichtigsten Organisationen des Flughafens direkt absprechen können.

Der Gesamtleiter eröffnet umgehend die Besprechung und geht die bisher eingegangenen Meldungen durch. Er lässt sich von den Vertretern der Flughafenorganisationen melden, wieweit diese mit den Vorbereitungsarbeiten für die Aufnahme der zusätzlichen Flüge sind und was mit den bis jetzt gestrandeten Passagieren geschieht. Alle geben kurz und knapp Informationen. Fragen werden notiert, offene Punkte in die Pendenzenliste aufgenommen. Der Informationsaustausch erfolgt Schlag auf Schlag und sehr effizient… bis der Leiter Transportdienste ausholte und über seine ungenügenden Kapazitäten zu jammern begann. Da unterbricht ihn der Sitzungsleiter. „ Short and sharp…no stories!“ Viktoria schmunzelt. Sie wechselt einen verstohlenen Blick mit Gabriela. Beide denken wohl dasselbe: „Kugelfisch!“


Viktoria hat während des Rapports ihren Laptop offen und schreibt die wesentlichen Informationen in ihr Protokoll, das online von ihrer Einsatzzentrale der Airport Service AG mitverfolgt werden kann. Ihre Leute wissen aufgrund der Protokolleinträge sofort, was zu tun ist.
Viktoria denkt kurz darüber nach, dass sie ihren heutigen Tag eigentlich nicht in der AOC des Flughafens beginnen wollte, sondern in ihrem Büro mit den Vorbesprechungen der neuen Strategie der Airport Service AG.


Die Sitzung wird beendet. Viktoria kehrt zu ihrem temporären Arbeitsplatz im AOC zurück. Da sieht sie Karin Bachmann den Raum betreten. Karin Bachmann ist Kader-Mitarbeiterin der Airport Service AG. Sie leitet den Bereich Transferschalter und „Lost and Found“. Karin wird Viktoria ablösen. Viktoria informiert Karin über die besonderen Anforderungen, die am Transferschalter im Non-Schengenbereich wegen den vielen Passagieren entstehen werden, die kein Visum haben und somit innerhalb des Transferbereiches des Flughafens auf die Weitertransport Möglichkeiten warten müssen. Karin Bachmann übernimmt und Viktoria meldet sich beim Leiter AOC ab.

Hauptbüros der Airport Service AG. 09.15 Uhr – Bericht Marco Hauser

Ich heisse Marco Hauser und bin eigentlich ein Langschläfer. Während meiner ersten Wochen als GL Assistent mutierte ich unfreiwillig zum Frühaufsteher. Letzte Woche musste ich teilweise schon um 05.00 Uhr in der Fracht antreten. Seit 5 Minuten sitze ich an meinem Arbeitsplatz und kann von hier aus die Leute der Einsatzzentrale beobachte, die wegen der Verkehrsumleitung laufend am Telefon sind.

Eigentlich hatte ich mir eine prestigträchtigere Anstellung nach dem Abschluss meines Bachelors in Betriebswirtschaft erhofft. Meine Abschlussnoten in Betriebswirtschaft und Finanzmanagement waren jedoch nur knapp genügend. Damit konnte ich beim Talentwettbewerb der Top-Firmen nicht punkten. Wegen der Rezession und der Finanzkrise hatten die Firmen ihre Budgets für ihre Talent-Pools gekürzt. Einem grossen Bewerberangebot stand somit eine kleine Nachfrage nach Stellen bei den Top Firmen gegenüber. Soviel habe sogar ich über das Gesetz von Angebot und Nachfrage gelernt, dass dann mittelmässige Absolventen ohne Beziehungen aus dem Rennen fliegen. Ganz ohne Beziehungen bin ich zum Glück nun doch nicht. Ich habe während der Semesterferien eine Marketingarbeit über den Sicherheitsbereich geschrieben und kannte doch einige Leute. Die Ausschreibung als GL Assistent habe ich dann sofort genutzt um wieder vorstellig zu werden. Mit Erfolg wie man sieht!

Nach dem Einführungsprogramm muss ich eingestehen, dass der Betrieb hier echt spannend und vielseitig ist. Nur, wie sieht das in meinem Lebenslauf aus? PWC, Novartis, HSBC oder so was wäre echt cool. Aber Airport Service AG? Ich höre schon die HR Leute im Einstellungsinterview fragen: „ Haben sie dort Koffer ausgeladen?“

Die Umleitung auf dem Flughafen hat bei der Airport Service alle Ressourcen aufs Tapet gebracht. Zusätzliches Personal wurde aufgeboten und an die Sammelpunkte gelenkt. Die Einsatzzentrale ist voll besetzt.

Hauptbüros der Airport Services AG. 09.20 Uhr – Bericht Viktoria Machthaber

Heute ist nicht der Tag um die Strategie der Airport Services zu besprechen, dachte Viktoria Machthaber. Trotzdem werde ich nicht darum herumkommen, gewisse Aufgaben heute anzupacken und vorzubereiten.

Sie sieht ihren Assistenten, Marco Hauser den Gang herunter eilen. Sie ruft ihn zu sich heran. „Marco, was ist im Moment dein Auftrag?“


Marco erwidert: „Ich unterstütze die Einsatzzentrale. Ich bin dabei, die Dispositionspläne für die Fracht zu aktualisieren und zu mailen. Durch die Umleitung von verschiedenen Flugzeugen entstehen auch in der Fracht dringende Aufgaben, für die wir zusätzlich Leute aufgeboten haben.

Es sind Flugzeuge bei uns gestrandet, die Tiere an Bord haben, die jetzt dringend versorgt werden müssen.“

Viktoria nickt und erwidert: „Melde dich anschliessend bei mir. Wir müssen einige Vorbereitungsarbeiten treffen, die über die operative Hektik des heutigen Tages hinausgehen. Dabei kannst du mir helfen.“

Marco Hauser Gesicht erhellt sich.“ Selbstverständlich! Ich bin so rasch als möglich bei Dir.“

Büro Viktoria Machthaber. 09.50 Uhr

Viktoria eröffnet Marco, dass die Airport Service AG in einen Strategiefindungsprozess eintreten muss. Viktoria blickt auf Marco Hauser und fragt ihn augenzwinkernd: “Was verstehst du unter einer Strategie?“ Marco erwidert etwas verunsichert: „Das, was wir an der Hochschule über Strategie gelernt haben. Es geht um eine langfristige Ausrichtung der Unternehmung auf attraktive Märkte, damit Gewinne erwirtschaftet werden können. Dafür sind gewisse Analysen und Entscheidungen notwendig. Ehrlich gesagt,“ Marco schmunzelt etwas verlegen, „… waren mir die Strategievorlesungen an der Hochschule eher zu theoretisch.“


Viktoria erwidert: „Das kann ich verstehen. Wir werden sehr konkret unsere Strategie definieren und unsere Organisation darauf hin ausrichten. Dafür werden wir Zielsetzungen formulieren, die uns in den bestehenden beziehungsweise neuen Märkten positionieren. Wir werden Pläne machen müssen, wie wir unsere Organisation darauf ausrichten wollen.  Das heisst, dass wir verschiedene Projekte definieren, die es uns schlussendlich ermöglichen, diese Veränderungen in der Unternehmung effektiv und effizient umzusetzen. Am Anfang müssen wir jedoch wissen, wohin wir eigentlich wollen und ob wir dafür auch die notwendigen Ressourcen haben. Daraus werden wir die strategischen Ziele ableiten. Wir brauchen eine klare Sicht auf unsere unternehmerische Zukunft. Wir können es uns nicht leisten, in ein wolkenverhangenes Gebiet einzudringen.“


Viktoria fährt fort: „Wir haben einen Gemischtwarenladen. Der Geschäftsbereich Passagierabfertigung und die Sicherheit haben viel miteinander zu tun. Deshalb haben sich diese Bereiche auch in der Vergangenheit entwickelt. Der Frachtbereich ist entstanden, weil im Luftverkehr Passagiertransport und Frachttransport sich ergänzende Produkte darstellen. Die Luftfahrtgesellschaften versuchen ihre Erträge zu verbessern, indem sie kombiniert Passagiere und Fracht transportieren. Fracht wird jeweils als „Füllgut“ betrachten. Freie Kapazitäten in Frachtraum werden mit Frachtgütern aufgefüllt. Das bedingt, dass auf den Flughäfen Passagiere und Fracht miteinander abgefertigt werden müssen. Die Airport Service AG hat dies Geschäftsmöglichkeit sehr früh erkannt, und daraus einen eigenen Geschäftsbereich entwickelt“.


Marco Hauser blickt Viktoria fragend an: „Ich verstehe die historische Entwicklung der Geschäftsbereiche durchaus, möchtest du darauf hinaus, dass Du Geschäftsbereiche abbauen möchtest?“ Viktoria steht auf und erwidert: „Nein. Ich möchte darauf hinweisen, dass wir keinesfalls die Vergangenheit fortschreiben dürfen. Wir müssen jeden Geschäftsbereich und jedes Produkt genau prüfen.

Viktoria Machthaber wird energischer: „Es ist eine Tatsache, dass wir nicht rentabel arbeiten. Wir geben mehr Geld aus als wir verdienen. Wir müssen die Rentabilität der Produkte identifizieren und uns strategisch überlegen, weshalb wir diese Produkte überhaupt in unserem Angebot haben und vor allem wie wir die Rentabilität massiv verbessern können...oder, ob die Produkte verändert oder gar gestrichen werden müssen.“

Sie bleibt nachdenklich stehen, greift zur Mineralflasche und fragt Marco: „Möchtest Du auch ein Glas?“ Marco nickt. Während Sie einschenkt fährt sie fort: „Wir stehen vor einem grossen Arbeitsanfall, den wir nebst dem operativen Geschäft, bewältigen müssen. Das kann ich nicht alleine durchziehen. Ich brauche die Unterstützung aller Führungskräfte und deren volles Engagement. Deshalb möchte als erstes mit dem Kader einen Kick-off Workshop durchführen.“ Sie wendet den Blick auf Marco.  „Dafür, Marco möchte ich dich einsetzen! Damit das ganze effizient abläuft, muss jeder Schritt gut vorbereitet sein. Mach Dich in Deinen Unterlagen schlau und überlege, wie wir das am besten angehen. Das ist keine Übung sondern Realität! Ich erwarte übermorgen ein Vorgehensvorschlag von Dir. Es geht mir hier um die Methode und nicht um Inhalt. Die Inhalte werden wir zusammen mit den Kollegen und Kolleginnen erarbeiten. Fragen?“

Marco holte Luft. „Ja, alles klar. Ich werde mich sofort ins Thema einarbeiten und Vorschläge ausarbeiten.“


Viktoria hört von draussen die Hektik der Einsatzzentrale. Sie verlässt ihr Büro nachdem sie sich von Marco verabschiedet hat und erkundigt sich in der Einsatzzentrale über den Verlauf der Einsätze. Da kommt Marlies, die Leiterin der Administration, auf sie zu. Sie spricht Viktoria an: "Der  Verwaltungsratspräsident möchte Dich am Telefon sprechen. Er bittet dich um einen Rückruf.“

Büro Jörg Sonderson in Basel. 16.30 Uhr

Als Viktoria ins Büro des VRP eintritt, kommt ihr Jörg Sonderson entgegen. Er war seit Beginn die Hauptansprechperson. Sie hatte den Rest der Verwaltungsratsmitglieder damals nur anlässlich ihrer Kandidatur an einer Sitzung gesehen. Mit Jörg Sonderson hatte sie aber wöchentlich Kontakt. Es war ungewöhnlich, dass er sie kurzfristig zu einer persönlichen Besprechung aufbot.

Jörg Sonderson, bittet Viktoria Platz zu nehmen und fragt, ob sie etwas zum Trinken will. Viktoria bejaht. Er ruft seine Sekretärin ins Büro, die die Bestellung aufnahm. Viktoria war innerlich gespannt. Was möchte er und was liegt so Dringendes an? Sie wartet geduldig, bis Jörg Sonderson endlich den „Small-Talk“ beendet und zum Punkt kommt.

Sonderson räuspert sich und beginnt. „Frau Machthaber, es haben sich einige Konstellationen verändert. Unsere Unternehmensgruppe wurde gestern an eine Asset Capital Company verkauft. Sonderson erläuterte, wer diese Firma ist und was ihre Anlagestrategie sei. Viktoria erhält den Eindruck, dass Sonderson um den heissen Brei herumredet. Sie hat eine Vermutung und bricht das Eis, indem sie die Vermutung äussert. „Herr Sonderson, Pardon, wenn ich Sie unterbreche.“ Sonderson schaut etwas verdutzt auf. Er war gerade im Redefluss. Viktoria fährt unaufgefordert weiter: „ Gehe ich richtig in der Annahme, dass diese Asset Capital Company die Firmengruppe durchleuchtete und dabei feststellte, dass die Airport Service AG nicht rentiert? Wollen sie jetzt die Firma verkaufen oder liquidieren?“ Viktoria schaut direkt in die Augen von Sonderson, der sich überrascht zeigte. Er ändert sofort seinen Tonfall. Er erwidert sehr sachlich: „Ich habe sie richtig eingeschätzt! Ja, es ist so! Die ACC hat nach dem Due Diligence zwei „Under-Performer“ identifiziert. Darunter fällt die Airport Service AG. Die Asset Capital Company hat in den Vertragsbedingungen diktiert, dass die Airport Service AG und die andere Firma keinesfalls übernommen werden. Die Gesamtgruppe musste wegen dieser beiden Firmen auf dem Verkaufspreis eine Wertberichtigung vornehmen."

Viktoria räuspert sich: „Wertberichtigung auf was? Airport Services hat sicherlich in den letzten zwei Jahren keine glänzende Resultate geliefert und letztes Jahr einen Verlust. Das ist aber vor dem Hintergrund der Geschäftschancen und des seit vielen Jahren etablierten Markennamens zwar unangenehm aber sicher kein Beinbruch, der sich nicht schienen lässt“.  „Frau Machthaber, da fehlen Ihnen einige Informationen!“ Die Gruppe zahlte vor drei Jahren für die Airport Service einen Kaufpreis von 50 Millionen Schweizer Franken. Der Businessplan ging davon aus, dass der Wert über den bezahlten 50 Millionen liegen sollte.“ Viktoria fragte erstaunt: „Das Eigenkapital der Firma ist gerade mal 6,2 Millionen.“. Das heisst, dass die Gruppe damals je nach Bewertungsmethode einen Goodwill von über 40 Millionen bezahlt hat…?“ Sonderson nickt. „Ja das ist so.“

Viktoria lehnt sich zurück und versucht das Gehörte zu verarbeiten. Ihr ist sofort klar, dass in einem solchen Deal, diejenigen, die den Deal eingefädelt haben, keine guten Karten in ihren Händen halten. Die Finanzhaie sind gnadenlos. Soviel sie aus den Erläuterungen aus ihrem Einstellungsgespräch mit Sonderson noch wusste, war Sonderson einer der Haupttreiber für die Akquisition der Airport Service AG. Er wollte die Synergien mit den anderen Unternehmen in der Gruppe nutzen. Der vorherige CEO hat aber die Airport Service in die Verlustzone gefahren und von Synergien war keine Rede mehr.

Sie fragt Sonderson, der nachdenklich in seinem Bürostuhl sitzt und auf einen imaginären Punkt in sein Büchergestell schaut: „Was heisst das für sie?“ Sonderson dreht den Kopf zu ihr, nimmt einen Schluck aus der Tasse. Er lässt sich unangenehm viel Zeit mit der Antwort. „Ich habe gestern meinen Rücktritt aus dem Verwaltungsrat eingereicht.  Wirkung ab nächsten Montag. Ihr neuer Ansprechpartner wird Dr. Till Ramon sein. Er wird sich nächste Woche bei Ihnen melden und das weitere Vorgehen bestimmen.“ Viktoria merkt, dass Sonderson mit seiner Fassung kämpft. Sie stellt nur noch eine Frage: „Gibt es irgend eine Chance für die Airport Service AG?“ Sonderson antwortet schnell und scharf: „Super Performance! Gewinne, Gewinne und nochmals Gewinne verbunden mit intakten Marktaussichten, die haifischfrei sind!“

Viktoria nimmt die Bemerkung von Sonderson auf und ergänzt in Gedanken: "Gerade das können die drei Märkte der Airport Service AG zur Zeit nicht bieten!"

Familienwohnung von Machthabers - 19.45 Uhr

Zuhause stochert Viktoria im Fisch, der ihr Ehemann Simon Machthaber beiseitegelegt hat. Er arbeitet als selbständiger Rechtsanwalt oft zuhause und hat die Versorgung der beiden Kinder übernommen. Die Mädchen sind im Wohnzimmer und lassen sich von den Simpson die amerikanische Kultur näher bringen.

„Was wären die Konsequenzen, wenn sich die Firmengruppe von der Airport Service AG trennt? Das muss ja nicht unbedingt negativ sein?“ fragte Simon. „Das ist schwer abzuschätzen,“ antwortet Viktoria. „Eine Möglichkeit wäre, dass sie versuchen, Airport Services als einzelnes Verkaufsobjekt abzustossen. Ich werde sicherlich nächste Woche von Dr. Ramon darüber mehr erfahren.“ Simon versucht Viktoria aufzumuntern: „Du wurdest ja für den Turn-around eingestellt. Vielleicht ist es gar nicht so schlecht, dass ein Eigentümerwechsel bevorsteht.“ Viktoria blickt auf. „Ja das kann gut sein. Mir fehlt einfach die Zeit für Wunder. Die Firma schreibt rote Zahlen. Ich muss rasch eine Lösung finden und ich weiss zurzeit ehrlich gesagt überhaupt nicht, wo wir hinsteuern sollen. Ich hoffte, dass wir noch etwas länger in ruhigeren Gewässern segeln, damit ich mich besser orientieren könnte. Ich wollte mit der neuen Strategie bereit sein, bevor der echte Sturm aufkommt. Jetzt sind wir mitten drin.“